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Die Kinder von Big Data

25 Jan

Ein wesentlicher Aspekt der Faszination, die Wissenschaftler und Ingenieure längst vergangener Tage in der Rückschau auf uns ausüben, ist, wie sie aus der Masse der Menschen zur damaligen Zeit herausstachen. Eine Eigenschaft, die man mit Genie beschreibt.

Doch wo es Licht gibt, gibt es Schatten. So waren die Gelehrten jener Tage vereinzelte Leuchttürme im Ozean der Menschheit, über dem ein dicker Nebel der Unwissenheit lag. Der Großteil der Menschen vertraute auf die Religion und machte sich wenig Gedanken darüber, wie die Welt um sie herum im einzelnen funktioniert.

Innovation und Kreativität lagen damals auf den Schultern einiger weniger. Die Gesamtproduktivität der Menschen war dementsprechend gering. Mit der Aufklärung und der fortschreitenden schulischen Ausbildung der Massen stieg die Produktivität seitdem um ein Vielfaches an. Seit ein paar Jahrzehnten ist sie förmlich explodiert. Es ist demzufolge eine vertretbare These, dass die Gleichgültigkeit gegenüber den uns umgebenden Mechanismen, die die Geschicke dieser Welt und unseres Alltags lenken, eine Bremse des menschlichen Fortschritts war, die überkommen wurde.

So weit so gut. Aber wo stehen wir mit diesem Prozess in der Moderne?

Ohne Frage, der Mensch von heute weiß sich gut zu orientieren in seiner Umwelt. Mit Ausnahme der ganz großen philosophischen Fragen und politischen Problemstellungen fühlen wir uns doch heutzutage souverän in der Betrachtung der Welt. Was wir nicht ohnehin schon aus der Schule wissen, können wir in den meisten relevanten Fällen bei Wikipedia nachlesen und uns die Zusammenhänge erschließen. Mit diesem Gefühl der Selbstsicherheit sind wir motiviert, unseren Wissensschatz stetig auszubauen und immer wieder kreative neue Pfade zu beschreiten. Dies begründet sich aus unserer Souveränität im Umgang mit der Welt – im Gegensatz zur Hilflosigkeit, wie wir sie als Kinder kannten.

Aber dies wird sich ändern. Denn die Welt vernetzt sich im Internet der Dinge. Die Folge wird sein, dass alle Gegenstände um uns herum anfangen Daten miteinander auszutauschen und zu kommunizieren. Dies ermöglicht eine Vielzahl schlauer Anwendungen, wie zum Beispiel selbstfahrende Autos oder Kühlschränke die uns per SMS melden, was wir noch einkaufen müssen. Es wird sicher eine schöne neue Welt. Sie wird bequem und sie wird uns bei den Alltagsdingen entlasten. Aber das Internet der Dinge wird die Welt noch komplizierter machen. Es wird für uns noch schwieriger werden, die Zusammenhänge zu erkennen und zu verstehen. Bis zu dem Punkt, wo es uns gar nicht mehr möglich ist.

Unser intuitives Verständnis ist längst abgehängt, wo Algorithmen noch Zusammenhänge in riesigen Datenmengen erkennen können. Zu dieser Interpretationsebene haben Menschen in der Regel keinen Zugang mehr und werden ihn sich auch nicht erarbeiten können. Die Konsequenz ist Hilflosigkeit. Ein Hinterfragen der Welt bringt uns nicht mehr weiter, wie bisher. Wie die Menschen im Mittelalter werden wir wieder unmündig. Es bleibt uns zukünftig keine andere Wahl als alles so hinzunehmen, wie es sein wird und den Programmierern zu vertrauen. Gleichzeitig werden wir uns einrichten in einem warmen Nest der Gemütlichkeit. Wir werden uns schnell daran gewöhnen, dass um uns herum alles wie von Zauberhand, d.h automatisch funktioniert, ohne dass wir noch wissen, wie dies von statten geht. Kurz gesagt, die Welt wird sich wandeln, sie wird uns einerseits in erheblichem Maße überfordern und hilflos machen, uns andererseits sprichwörtlich den Arsch hinterhertragen.

Es ist absehbar, dass die zukünftig allgegenwärtige Kombination aus abhandengekommener individueller Souveränität und geförderter Faulheit Probleme mit sich bringen kann. Ständige Überforderung führt dazu, dass man die Dinge einfach nur noch hinnimmt. Es kann passieren, dass wir uns abgewöhnen, die Dinge noch zu hinterfragen. Um den Schmerz der Unsicherheit nicht zu spüren, finden wir uns mit allem ab. Aber macht uns das nicht zu hilflosen Kindern? Besteht dann nicht eine Parallelität zu Gesellschaften, in denen der unreflektierte Glauben in eine Religion maßgebend ist? Die Technik ersetzt die Religion. Was wird das mit uns machen?

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8 Kommentare

Verfasst von - Januar 25, 2015 in Top Artikel

 

8 Antworten zu “Die Kinder von Big Data

  1. Skidbeast

    Januar 25, 2015 at 4:07 pm

    „Um den Schmerz der Unsicherheit nicht zu spüren, finden wir uns mit allem ab. Aber macht uns das nicht zu hilflosen Kindern? .“

    Schwierige frage.

    „Ein Hinterfragen der Welt bringt uns nicht mehr weiter, wie bisher. “
    Das ist allerdings schon lange so: Geht ein Auto kaputt, geht man zum Mechaniker. Ist man Krank, geht man zum Arzt. und so weiter. Man erkundigt sich zwar vielleicht, aber das Hinterfragen bring schon lange nichts mehr, außer dass man ggf. sich viel Halbwissen Aneignet, mit welchem man (fast) nix anfangen kann, daher muss man den jeweiligen „Experten“ vertrauen.
    ABER man selber ist ja auch ein Experte in einem Bereich: sagen wir man ist Mechaniker, dann kann man sein Eigenes Auto Reparieren, aber man muss sich auch um die Autos der nicht-Mechaniker kümmern, die glauben/vertrauen in deine Fähigkeiten, ob du sie Betrügst oder nicht ist deine Entscheidung, wobei du dir der Konsequenzen bewusst sein musst: wenn du das Auto vom Arzt schlecht repariert, und der Arzt meint du hättest was Falsch gemacht, dann kann es sein, dass er dich nicht richtig behandelt, wenn du dass nächste mal Krank bist.
    Anders gesagt man muss immer den Jeweiligen experten vertrauen können, aber da man selber ja auch experte in einem Bereich ist, müssen die anderen einem ja auch vertrauen können.
    Soweit die Beschreibung für bis jetzt.

    In der Zukunft glaube ich, wird dieses Experten-Prinzip noch extremer, aber jeder Teilbereich wird Informatik(Grund)Kenntnisse benötigen, so wie bisher Mathe- oder Sprachkenntnisse.
    Bisher war man ja deswegen mündig, da man Bestimmte Sprach- und Mathekenntnisse in der Schule erworben hat und so ein minimales Grundverständnis hat, um bestimmte Sachen zu Hinterfragen.
    Wenn diese Informatik-Kenntnisse als Grundwissen ins Bildungssystem aufgenommen werden, bleibt es ähnlich wie es ist: Man wird sich gewisses halb/viertelWissen aneignen können und es wird weiterhin ein Solches Expertensystem Bestehen bleiben.
    Allerdings werden Die Experten immer Spezieller.

    „Besteht dann nicht eine Parallelität zu Gesellschaften, in denen der unreflektierte Glauben in eine Religion maßgebend ist?“
    Im Gegensatz zu dem „un-reflektierendem Glaubenssystem“ gibt es,in einem Solchen „Expertensystem“ nicht nur eine(oder Wenige) Person(en), welche alles „wissen“ (und nicht hinterfragt werden),sondern viele(alle) Experten für unterschiedlichste dinge, welche die Jeweils anderen Experten nicht hinterfragen (können?). In wie Weit man da von Parallelen reden kann bin ich mir Selbst nicht sicher.

     
    • tinyentropy

      Januar 25, 2015 at 9:00 pm

      Guter Einwand. Ja, tatsächlich ist das natürlich schon lange so. Auch die Idee, dass Technikglaube die Religion ersetzt ist schon alt.
      Ich kam auf die These aufgrund des verlinkten Radiobeitrags. Darin wird gesagt, dass in Zukunft Toaster und Kühlschrank für uns die Haushaltsplanung übernehmen, Autos unsere Fahrtwege festlegen usw. und so fort. Das kommt für mich einer schleichenden Entmündigung gleich, wobei das Bild nicht passt, denn wir heißen diese Verheißungen willkommen und fühlen uns wohl bei ihrer Nutzung.
      Wenn wir Menschen uns aber von dem Verständnis entkoppeln, warum uns bestimme Geräte anweisen, etwas zu tun (z.B. weil eine komplexe Datenauswertung zu diesem als optimal bewerteten Ergebnis kam), dann sehe ich das kritisch.
      Entgegen Deiner Beispiele verschwindet dabei unser Alltag im Nebel der undurchschaubaren Komplexität. Die Entscheidung eines Arztes kann ich mir übrigens noch irgendwie erklären und mich auch in die Technik meines Autos einarbeiten (theoretisch). Aber es wird mir nicht gelingen die ‚Pfade‘ eines Algorithmus durch das Datenuniversum nachzuvollziehen, wenn ich ihn nicht selbst programmiere. Wenn mehr und mehr Algorithmen mein Leben planen, finde ich das gespenstisch. Ein Beispiel: Ich erhalte Versicherung X nicht und kann nicht wissen, welche Parameter des Scorings dies verursacht haben.

      Den strukturellen Unterschied zur Religion sehe ich genau so. Es ging mir um die Masse der Menschen, denen nur der Glaube und das Vertrauen in die Technik bleibt.

       
  2. Anonymous

    Februar 2, 2015 at 5:03 pm

    Ich weiss, dass ich nicht weiss. Bleibt neugierig und alles ist gut.

     
  3. Ilmralratz

    Dezember 23, 2015 at 5:58 pm

    Das größte Problem sind die Experten, die es nicht gelernt haben, über den Tellerrand zu schauen. Leider ist diese Tendenz seit Jahrzehnten schon in der Ausbildung zu beobachten. Es mag einer ein Spitzencoder sein, aber drück ihm mal einen Lötkolben in die Hand. Es gibt einfach zu viele „Fachidioten“. Wo früher ein Fachmann ausreichte, um ein Problem zu lösen, braucht man heute viele davon. Jedem von denen muß man zwangsweise vertrauen und hoffen, daß kein faules Ei dabei ist.

    Ratz

     

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