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Ersetzt von neueren Modellen

09 Aug

Ich schaue mir das Verschleißteil vor mir an, sorgfältig und von allen Seiten. Für sein Alter ist es gut in Schuss. Hier und da blättert zwar der Lack etwas ab, aber sonst gibt es aktuell keinen Grund zur Sorge. Es erfüllt perfekt seinen Zweck und mir gefällt das zeitgemäße Design.

Dann wende ich mich ab von meinem Spiegelbild in Ganzkörpergröße und beginne mit diesem Artikel. Es soll ein Artikel über die Hardware Mensch werden; wie sie sich entwickelt und auf was wir uns gefasst machen müssen.

Die Menschen in unserer Gesellschaft werden größer, dicker und älter. Das liegt an zwei Faktoren: Einer guten Nährstoffversorgung und den großartigen Errungenschaften der Medizin. Doch noch sind diese gesellschaftlichen Veränderungen schleichend und erlauben es den Individuen sich anzupassen und ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten, obwohl sich die Normen ändern und bessere Menschen auftauchen.

Okay, spätestens jetzt dürfte ich wohl die volle Aufmerksamkeit und gewissen Protest geweckt haben. ‚Bessere Menschen‘ – was soll das heißen? Wieso sollte ein größerer Mensch der bessere sein!? So ein Quatsch! Aber das wollte ich auch nicht behaupten. Es geht um etwas anderes. Denn den besseren Menschen gehört langfristig die Zukunft. Daran arbeiten Wissenschaftler. Durch Gentherapien und Medikamente sollen Menschen ausdauernder, schneller, stärker und schöner werden. Und ihre geistigen Fähigkeiten sollen gesteigert werden.

Ich spreche also von Verhältnissen wie in ‚Gattaca‘ und einer Zukunft, die ich mit Sorge sehe. Im naiven Affekt möchte ich wehklagen: “Ja warum nur kann nicht alles so bleiben wie es ist!? Können wir Menschen nicht damit zufrieden sein, wie wir sind? Mit unseren Schwächen leben.“ Aber der wissenschaftliche Fortschritt ist nun mal nicht aufzuhalten.

All diese Tuning-Versuche werden kostspielig und somit den Reichen vorbehalten sein. Es ist somit klar, dass ein Großteil der Bevölkerung bei dieser Entwicklung auf der Strecke bleiben wird. Arme Menschen werden früher sterben, schwächer und dümmer sein. Und sie werden, weil sie vom Alter stärker gezeichnet sind als die optimierten Menschen, stigmatisiert werden.

In so einer Gesellschaft möchte ich nicht leben. Ich möchte auch mein Kind nicht vor seiner Geburt im Reagenzglas tunen lassen. Aber bliebe mir eine Wahl, wenn ich es ansonsten vertreten müsste, dass mein Kind von Beginn an schlechtere Startvoraussetzungen als seine Altersgenossen hätte?

Jeder kennt die Situation am Arbeitsplatz von jüngeren Bewerbern herausgefordert zu werden. Aber wie wäre es, sich in Zukunft gegen bessere Menschen der Version 2.0 behaupten zu müssen? Keine schöne Aussicht.

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6 Kommentare

Verfasst von - August 9, 2014 in Gesellschaft, Rückblick / Weitblick

 

6 Antworten zu “Ersetzt von neueren Modellen

  1. Pfeffermatz

    August 9, 2014 at 7:39 pm

    Habe ich ein Glück, dass meine Kinder schon perfekt sind 😉 Vielleicht kommt es dann ja wie in irgendeiner Asimov-Geschichte, die ich mal gelesen habe (da ging es allerdings noch nicht um Menschen, sondern um Pflanzen): beim ganzen Tunen geht was wichtiges verloren (bei Pflanzen: der Geschmack) und die “Alten” sind letztendlich die Wertvollen!

     
    • tinyentropy

      August 12, 2014 at 9:04 am

      Ja, da hast Du Glück und das freut mich 🙂

       
  2. dasmanuel

    August 13, 2014 at 12:55 pm

    Gute gedankliche Ansätze.

    Mich würde die Fortführung und Vertiefung der Punkte ‚Aber der wissenschaftliche Fortschritt ist nun mal nicht aufzuhalten.‘ sowie ‚ Aber bliebe mir eine Wahl, wenn ich es ansonsten vertreten müsste, dass mein Kind von Beginn an schlechtere Startvoraussetzungen als seine Altersgenossen hätte?‘ interessieren.

     
    • tinyentropy

      August 13, 2014 at 12:58 pm

      Mich auch. Dann schlag mal was vor 🙂

       
      • dasmanuel

        August 13, 2014 at 1:07 pm

        Erm … die Fortführung und Vertiefung der Punkte DURCH DICH!? 😉

         
      • tinyentropy

        August 13, 2014 at 5:54 pm

        Hmm. Dann will ich es versuchen. Zu Punkt eins: Ich denke dass es auf Dauer schwer sein wird auf globaler Ebene die Forschung an Dopingmitteln und genetischen Modifikationen des Menschen zu verhindern, selbst wenn es dafür einen breiten Konsens zwischen verschiedenen Ländern gäbe. Es gibt immer Randgebiete, außerhalb der offiziellen Kontrollen, wo so etwas stattfinden kann. Auch die Forscher selbst lassen sich nicht gerne in ihrem Forschungsdrang zurückhalten (siehe die Entwicklung der Atombombe), weil sie natürlich nur die positiven Möglichkeiten ihres Tuns im Auge haben. Hinzu kommt, dass es sicher viele Menschen gibt, die kein Problem mit Doping haben und ein Verbot gar nicht erst unterstützen würden. Die Frage, ob sich der Mensch durch Technik selbst aufwerten darf, wird ja nicht einheitlich beantwortet. Auch nicht im Sport, wo es Fürsprecher zugunsten des Dopings gibt, um die Grenzen des Möglichen auszuweiten.
        Zu Punkt zwei: Heutzutage wird eine Behinderung eines Kinds nicht als Fehler der Eltern gesehen, was ja auch richtig ist. Es ist ein tragisches Schicksal, aber irgendwie natürlich. Wie wird das in Zukunft sein? Und was wird bereits als ‚Behinderung‘ gewertet werden? Es kann ja durchaus sein, dass sich mein Kind selbst später mal darüber beschwert, dass wir aus einer veralteten romantischen Vorstellung heraus, es mit seinen natürlichen Defekten bekommen haben, anstatt es frühzeitig mit den Mitteln der Medizin zu heilen.

         

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