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Ontologische Altersängste

17 Okt

Ganz schön harter Tobak, worüber Du hier schreibst. Hatte etwas Mühe zu verstehen, was Du kritisierst. In der Informatik wird nämlich der Begriff „Ontologie“ im Sinne einer Begriffssystematik verwendet, siehe die Gene Ontology, weshalb ich den von Dir beabsichtigten metaphysischen Bezug erstmal nachlesen musste.

Wenn ich es richtig verstanden habe, kritisierst Du, dass die neuesten Erkenntnisse der Neurowissenschaften von einigen Wissenschaftlern ignoriert bzw. fehlinterpretiert werden, um die Vorstellung eines von den Gehirnfunktionen losgelösten Bewusstseins noch immer aufrecht erhalten zu können. Ein spannendes Thema, wie ich finde.

Der Streit um die Trennung von Körper und Geist reduziert sich meiner Meinung nach auf die medizinischen Beobachtungen, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen in Folge von Defekten im / am Gehirn fast beliebig modifizieren lässt. Daher ist klar erkennbar, dass sich das Phänomen Persönlichkeit auf einer materiellen und funktionellen Grundlage abspielt. Anders ausgedrückt, es gibt keine Trennung und keine beständige Persönlichkeit.

Platz sehe ich da allenfalls noch für die „Seele“, die meiner Vorstellung nach so eine Art individueller Lebensgeist sein könnte, der aber nichts mit der Persönlichkeit zu tun hat. Ein trauriger, weil nicht tröstlicher Gedanke. Was soll das sein!? Eine Art Kerzenflamme ohne Struktur, Form, Farbe und Geruch? Wo bliebe da der tröstende Gedanke, einen Verstorbenen im Jenseits noch einmal erfahren zu können. Daraus wird verständlich, warum man sich gerne das Bewusstsein eines Menschen als etwas unvergängliches vorstellen möchte.

Diese Vorstellung würde allerdings nur unter der Annahme funktionieren, dass ein „gesunder Körper“ noch am besten dieser bewusstseinsbehafteten Seele Ausdruck verleihen kann und sich diese Ausdrucksweise mit Krankheit und Alter verliert. Der Körper wäre also nach klassischer Vorstellung ein Gefäß und diese These kann auch die Neurowissenschaft nicht widerlegen.

Der Nesselsetzer

In wissenschaftlichen Kreisen ist völlig unabhängig vom Fachgebiet hin und wieder ein Phänomen zu beobachten, welches ich persönlich als eine Art „ontologische Altersangst“ bezeichnen würde. Dieses Phänomen äußert sich zuweilen durch veröffentlichte Bücher oder Interviews, deren Inhalt einen angeblich ultimativen Hinweis oder zumindest eine hochspekulative These für eine Existenz nach dem Tod bietet. Im Speziellen wird damit eine Trennung des menschlichen Geistes vom Körper und somit der Fortbestand des Bewusstseins über den Tod hinaus postuliert. Nicht selten wird dabei auch noch unterschwellig eine Brücke zu religiösen Themen geschlagen. Solche Veröffentlichungen stammen jedoch diesmal nicht, wie man üblicherweise annehmen könnte, von Esoterikern oder Theologen, sondern von alternden Wissenschaftlern, die sich bisher mehr oder weniger untadelig auf dem Boden wissenschaftlicher Regeln bewegt haben.

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Verfasst von - Oktober 17, 2013 in Philosophie

 

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