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Alles hat seine Zeit

07 Jan

Die folgenden Zeilen schreibe ich verbunden mit dem Bekenntnis, dass ich ein ungeduldiger Mensch bin. Es fällt mir sehr schwer die Dinge abzuwarten.

Als einer Eigenschaft lassen sich der Ungeduld durchaus positive Seiten abgewinnen. Sie geht einher mit lebhafter Fantasie. Ein in der Zukunft verborgenes Ereignis wirkt für einen ungeduldigen Menschen plastisch und zum Greifen nahe; die Vorfreude darauf wird befeuert davon, dass man das Ereignis vor dem inneren Auge klar erblickt. Nicht umsonst heißt es, Vorfreude sei die schönste Freude.

Unter dem Strich glaube ich aber, dass die negativen Aspekte der Ungeduld überwiegen. Ich fühle mich durch Ungeduld in meiner Freiheit eingeschränkt und in meinen finalen Freuden getrübt. Denn allzuoft können die realen Eigenschaften einer Sache mit den von mir antizipierten nicht mithalten und ich erlebe eine Enttäuschung. Wenn man das zitierte Sprichwort in diesem Sinne interpretiert, dann bewahrheitet es sich mit trauriger Trivialität. Die Vorfreude ist die schönste Art der Freude, weil ihre Erwartungshaltung allen anderen Freuden vorab den Garaus macht.

Eine oft zitierte Lebensweisheit lautet: Lebe im Hier und Jetzt! An diese freundliche Aufforderung musste ich kürzlich denken, als ich für einen Wimpernschlag lang mein pathologisches Muster klar durchschauen konnte. Ungeduld macht den Moment kaputt und verhindert so all die Freude und Tiefgründigkeit, die man bewusst erleben sollte. Wer nur in seinen Vorfreuden lebt und sich im Übermaß mit zukünftigen Dingen beschäftigt, läuft Gefahr Wichtiges im Hier und Jetzt zu verpassen. Ein erhebliches Unglück kann uns daraus entstehen, dass wir ständig unzufrieden sind, weil wir z.B. lieber schon an einem anderen Ort wären, oder uns schon hätten weiterentwickeln wollen.

Augenblick, verweile doch, denn Du bist so schön!

Sollte man beherzigen! Den Augenblick genießen zu können, völlig in ihm aufzugehen, ist wohl die beglückendste Weise, die eng begrenzte Zeit unserer Lebensspanne zu würdigen. Kein Augenblick ist wie der andere. Und können wir wissen, wann es der letzte Blick aus unseren (gesunden) Augen auf diese Welt sein wird!? Eine Krankheit würde alles schlagartig ändern.

Hinzu kommt, dass Ungeduld uns von unseren aktuellen Pflichten abhält. Wir können uns nur richtig konzentrieren, wenn wir mit den Gedanken bei der Sache sind. Ein aktuelles Problem braucht unsere gesamte Aufmerksamkeit und Gedanken an Zukünftiges stören dabei. Ich muss sagen, dass mir dieses Problem am meisten Kopfzerbrechen bereitet. Denn die mit Ungeduld verbundenen Gedanken lassen sich nur sehr schwer abschalten.

Am schlimmsten ist, dass Überlegungen, ob und wie ein Ereignis eintreten könnte, gemeinhin zu keinem Ziel führen werden. Zwar kann man sich notfalls auf ein kommendes Ereignis besser vorbereiten, aber darum geht es mir hier nicht. Stattdessen sind wir in vielen Fällen von den Entscheidungen Anderer abhängig und vermögen es nicht, selbst Einfluß auf die Entwicklung zu nehmen. Abhängigkeit von Anderen ist die schwierigste Herausforderung an einen ungeduldigen Menschen. Doch genau dann ist man am besten beraten, alles laufen zu lassen und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Nur …. wenn es doch so einfach wäre….

Seit Einstein haben wir uns klargemacht, dass Zeit relativ zu betrachten ist. Die meisten Menschen kennen den subjektiven Effekt, dass die Zeit bis hin zu einem angenehmen Ereignis quälend langsam, bis zu einem unangenehmen Ereignis scheinbar viel zu schnell vergeht.

Ich halte dagegen, dass man sich auch unangenehme Ereignisse nach diesem Prinzip erleichtern und verkürzen kann. Nehmen wir zum Beispiel an, mir solle ein Zahn gezogen werden. Natürlich stünde mir der Besuch beim Arzt bevor und ich würde den Schmerzen am liebsten ausweichen. Es bestünde die akute Gefahr, dass ich den Moment im Stuhl des Arztes als quälend lang empfinden werde. Andererseits wissen wir mit Gewissheit, dass ich an dem darauf folgenden Abend schon nicht mehr an die kleine OP denken werde. Diese zukünftige Realität ist in meinem Kopf mindestens genau so real wie meine vorweggenommenen Ängste. Und tatsächlich ist es möglich, dass ich mich mental in die eine oder andere Pseudorealität versetze. Ich kann die tatsächliche Realität durch die ein oder andere Pseudorealität substituieren und mich gewissermaßen mental schon in die Zukunft versetzen. Das Wissen, dass ich es im nachhinein als nicht so schlimm erachten werde, hilft ungemein. Ich kann den Moment als Blackout schalten.

Was ist Realität überhaupt? Ist es am Ende das, was ich daraus mache? Hilft mir eine schillernde Fantasie, mich auf diese Weise in eine angenehmere Zukunft versetzen zu können? Vielleicht liegt darin die positive Seite, die mit Ungeduld und Fantasie einhergeht? Wer weiss…. aber ich möchte lieber Geduld üben.

 

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4 Kommentare

Verfasst von - Januar 7, 2013 in Tiny's Gedanken, Top Artikel

 

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4 Antworten zu “Alles hat seine Zeit

  1. Mike

    Januar 8, 2013 at 5:03 am

    Sehr gut.

     
  2. mechentel

    Januar 8, 2013 at 9:42 am

    Gutes Thema.
    Hilfe und Tipps zum Thema Ungeduld gibt es zum Beispiel hier
    http://www.selbsthilfe-beratung.de/ungeduld-ungeduldig-sein.html

     
  3. Pfeffermatz

    Januar 12, 2013 at 12:23 am

    Auch von mir ein Lob für einen gut geschriebenen und wirklich hilfreichen Artikel. Wichtig ist deine Erkenntnis, dass man sein Denken durchaus gezielt einsetzen kann – wie bei deinem Zahnarztbeispiel. Kostet halt ein bisschen Einsicht und Anstrengung!

     
  4. marien86

    Januar 16, 2013 at 10:07 pm

    Hallo tinyentropy,

    dein Beitrag hat ja fast schon etwas konstruktivistisches. Ich denke, wenn man seine Charaktereigenschaften gut einzusetzen weiß, bringen sie einen weiter. Wer diese Impulskontrolle nicht besitzt, wer bspw. vor Ungeduld „platzt“ hat es schwer. Wer i. A. mit stark ausgeprägten Charaktereigenschaften zu kämpfen hat, hat es schwer.

    Ob das Negative der Ungeduld wirklich überwiegt ist manchmal ein subjektiver Eindruck. Man schätzt sich selbst ja manchmal ganz anders ein.

    Und: wir haben den empirischen Beweis: wer jahrelang an der Uni ist, kann nicht ungeduldig sein! Die Uni lehrt dich Duldsamkeit, gerade an der Schlange zur Sprechstunde von Prof. 🙂

    Gruß, David Marien

     

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