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Gone with the wind – Wir leiden an ADS

11 Nov

Es regt mich richtig auf, dass wichtige Themen regelmäßig zu kurz kommen. Sie werden für eine kurze Weile siedendheiß durch den medialen Fleischwolf gedreht, bevor sie einen Wimpernschlag später erkaltet und abgehalftert am Aufmerksamkeitshorizont unserer Gesellschaft verloren gehen. Beispiele gefällig? Aber gerne: Wie geht es den Menschen in Fukushima oder Libyen jetzt? Was macht die Entwicklung in Ägypten? Wie soll es mit Julian Assange weitergehen, der noch immer in der Ecuadorianischen Botschaft in London festsitzt? Wer wird für die vielen Versäumnisse bei den NSU-Ermittlungen zur Verantwortung gezogen? Was macht der Nahostkonflikt? Und so weiter, und so fort…

Alle diese Themen haben uns kurzzeitig beschäftigt und wurden heiß diskutiert. Aber jetzt sind sie uns egal. Wir nehmen gelegentlich die Meldungen in den Nachrichten wahr, aber unsere Aufmerksamkeit ist längst weitergewandert. Und das möchte ich mal als das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom unserer Gesellschaft bezeichnen. Ich sehe es nicht bloß als problematisch, sondern als regelrecht pathologisch an.

Jeder von uns weiss aus persönlicher Erfahrung, dass es nötig ist Ziele konsequent zu verfolgen, um sie zu erreichen. Man muss am Ball bleiben. Ansonsten scheitert man grandios und verliert sich in der Belanglosigkeit des Daseins. Und wir laufen gerade Gefahr, dass dies unserer Gesellschaft passiert. Was mögen die Gründe dafür sein?

Um als Gruppe gemeinsame Ziele zu verfolgen, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Wir müssen eine gemeinsame Richtung bestimmen, uns dann zusammentun und nicht mehr als Einzelne, sondern als Kollektiv handeln.

Das ist mit einer Demokratie durchaus zu vereinen. Während der Zielfindungsphase geht es darum, die vielen Einzelmeinungen zu einem Konsens zu führen. Dies braucht einen starken Moderator. Und hier liegt das erste Problem. Angela Merkel ist genau dies nicht. Sie bringt keine Visionen hervor und kann deshalb die Gesellschaft nicht zielführend leiten.

Nach der Zielfindungsphase, während der das Individuum befragt wurde, muss sich eine Phase des gemeinsamen Handelns anschliessen, in der sich der Einzelne mit seinen persönlichen Bedürfnissen zurücknehmen sollte. Diese Phase basiert auf der Einsicht, dass bestimmte Ziele nur durch gemeinsame Anstrengung erreicht werden können. Das ist sicher für den ein oder anderen demütigend zu ertragen. Deshalb ist wiederum eine starke Führungspersönlichkeit vonnöten, die die Menschen auf das gemeinsame Ziel einschwören kann. Aber wir, wir haben nur Angela Merkel. Wir haben kurz gesagt niemanden, der diese Funktion erfüllen kann.

Deshalb erleben wir immer seltener Erfolgserlebnisse, die aus gemeinsamem, d.h. gesellschaftlichem Handeln resultieren. Wir leben unser Leben als Individualisten und beschränken unseren Horizont auf unsere kleine Welt. Das hat viele positive Seiten, keine Frage. Aber manche Dinge, manch grosse Ziele, können so nicht umgesetzt werden. Dazu gehört zum Beispiel ein neues Gesellschaftsmodell, um mit den Problemen der Überalterung zurecht zu kommen. Und eine gerechtere Ausgestaltung unserer Gesellschaft.

Ich glaube, dass unser kollektives ADS-Syndrom ebenfalls darin begründet ist. Wir diskutieren die Dinge des Tagesgeschäfts nur noch miteinander, um Konservation zu betreiben. Es geht nicht darum, sie inhaltlich nach vorne zu bringen. Es fehlt das gemeinschaftliche Ziel, dass wir aus den Krisen für die Zukunft lernen wollen. Alles was zählt ist, die Themen besprochen zu haben, damit wir ein gepflegtes Gespräch hatten. Und das kann es doch nicht sein.

 

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7 Antworten zu “Gone with the wind – Wir leiden an ADS

  1. exvitro

    November 11, 2012 at 1:53 pm

    Bin gerade in Eile, habe den Artikel nur überflogen. Das Problem ist nicht das wir ADS haben was sows angeht. Das Problem ist das wir bewusst gelenkt werden. Wie ein Zauberer – während man wo anders schaut, macht er den Trick. So war es mit all den Themen welche Du angesprochen hast. Zu Libyen, da ich Gaddaffi zumindest im Geiste unterstützt habe informiere ich mich immer noch. Und da ist genau das was mir keiner meiner Freunde glauben wollte – einst das reichste und fortschrittlichste Land in Afrika ist jetzt 1000 Jahre in seiner Entwicklung zurück. Innere Machtkämpfe der Ratten, es gibt immer noch genügend Loyalisten welche Raten jagen und gegen sie kämpfen, Chaos…Genau das was der Westen will.

    „Um als Gruppe gemeinsame Ziele zu verfolgen, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Wir müssen eine gemeinsame Richtung bestimmen, uns dann zusammentun und nicht mehr als Einzelne, sondern als Kollektiv handeln. “

    Sehr richtig. Aber durch die Zerstörung der Institution der Familie und Atomisierung unserer Gesellschaft ist es ein absolut fremdes Konzept für viele Menschen. Man will nichts mehr für seine Verwandte machen, nichts mehr für sein Land. Sondern nur für sich. Weil man es sich ja schuldet! Das wird durch diese Medien ja auch suggeriert – „Du bist es wert!“, „Gönn dir auch mal was“ usw.

    Das ist ein sehr wichtiges Thema was Du ansprichst hier. Werde hier mehr schreiben wenn ich Zeit habe. Aber nicht mehr heute. Habe David noch eine Antwort in seinem Blog versprochen 😉 Da muss ich auch etwas mehr schreiben.

     
    • tinyentropy

      November 11, 2012 at 2:03 pm

      Das Gleichnis mit dem Zauberkünstler gefällt mir sehr! Richtig ist vor allem, dass unser Aufmerksamkeitszentrum extrem limitierte Kapazität besitzt. Wir können gar nicht längere Zeit viele Themen gleichermaßen verfolgen. Wir müssen uns zwingend mal für etwas entscheiden.
      Ich kam auf das Thema wegen Julian Assange. Es ist erschreckend. Erst wurde er gefeiert für die Dinge, die offengelegt wurden. Jetzt erfährt er kaum noch Unterstützung. Warum kann nicht z.B. Deutschland anbieten, dass die Vorwürfe gegen ihn auf neutralem Boden verhandelt werden und er keinesfalls an die USA ausgeliefert wird!? Ganz einfach, weil unsere Politiker Geheimnisverrat auch nicht tolerieren wollen und kein Problem damit hätten, ihn auszuliefern. Aber man sieht kaum Protest, kaum Unterstützung für Julian Assange.

       
    • yt

      November 12, 2012 at 9:35 am

      exvitro, ich bin deiner Meinung.
      Die pseudo Individualisierung der Werbung führt zur Vereinsamung.
      Übrigens: Ich kann deinen Kommentaren, auch zu anderen Themen, in der Regel zustimmen. Ich finde sie sehr lesenswert.

      —–

      Meine Beobachtung zu dem Thema, im Groben:
      70% der Bevölkerung haben diese Regierung nicht gewählt.
      Von den 30% die es taten, sind sicherlich nicht viele zufrieden.

      Die Mehrheit der Bevölkerung hat, da bin ich felsenfest von überzeugt, gute Ideen ihre Zukunft zu gestalten. Jedoch sind meine Mitmenschen durch die Medien, oftmals paralysiert.

      Aus den Massenmedien wird scheinbar die Botschaft verteilt:
      „Alle sind doof. Überall nur dumme HartzIV Empfänger. Das Volk muss geführt werden, das Volk kann nichts allein entscheiden. Wir brauchen für alles Regeln und Gesetze.“

      Die Mehrheit der Medien beschäftigt sich mit einer Minderheit die weder von Relevanz ist, noch sich wehren kann. Subventionen, Boni und Bankenkrise sind nicht durch Arbeitslose zustande gekommen. Die können nix dafür.

      Es ändert aber niemand sein eigenes verhalten.
      Die Menschen sind wie nach einer Gehirnwäsche, in einer Art Schockstarre mit Stockholm Syndrom 🙂 Das meine ich nicht ganz ernst. Aber manchmal kommt es mir so vor.

      Werbung und Einwegmedien wie Fernsehen und Radio verblöden die Menschen.
      Weil man sich nicht wehren kann. Fernsehen und Radio lassen keine Argumente und Diskussionen zu. Nur Aufzeichnungen und gefilterter Mist.

      „Ich mach das ja nur, um mich zu entspannen“. (- Fernseh gucken)
      Genau dann ist man aber aufnahmebereit. Und man wird dort belogen, betrogen, manipuliert.

      Deswegen schätze ich frei Blogs so sehr. So wie dieses. Weil es einen Rückkanal hat. Und auch wenn ich nicht immer einer Meinung bin mit tinyentropy, – so ist es authentisch. Kein Mensch weiß alles, und schon gar nicht immer richtig.

      Tiny, du hast mir da aus der Seele gesprochen, es wird vergessen. Und das ist nicht gut.
      Eines meiner Lieblingsbeispiele dazu, wie Schäuble Deutschland überschuldet hat und sich nun feiern lässt.

      Er hat zu Amtsantritt gigantische Schulden gemacht um später sagen zu können:
      Letztes Jahr haben wir (also er) einen Haufen schulden gemacht, dieses Jahr konnte ich aber dieses Schulden machen (von mir) eindämmen.

      Das liegt an der dusseligen EU Verordnung die wie maßgeschneidert auf Deutschland und Schäubles verhalten passt.

      Stellen wir uns vor, zu Amtsantritt wird dem Finanzminister klar dass Deutschland, in den nächsten 4 Jahren, insgesamt 400 Milliarden € neuer Schulden benötigt.
      Dann gibt es verschiedene Lösungen:

      a) Man kann dem Bedarf entsprechend neue Schulden machen:
      1. Jahr 40
      2. Jahr 80
      3. Jahr 120
      4. Jahr 160

      Damit wird aber der EU Stabilitätspakt verfehlt. Es gibt einen Rüffel.
      Man würde auch sagen, der Minister hat jedes Jahr noch mehr neue Schulden gemacht.

      b.) Man kann tricksen um sich von den Medien feiern zu lassen.
      1. Jahr 200 Milliarden
      2. Jahr 100 Milliarden
      3. Jahr 75 Milliarden
      4. Jahr 25 Milliarden

      Bei gleicher Neuverschuldung ist Modell b mit einem Abbau der Neuverschuldung zu feiern.
      Exakt so wird es in den Medien wieder gegeben. Drei Jahre in Folge kann man sich rühmen die Neuverschuldung abgebaut zu haben. Weil man selbst verantwortlich dafür war, dass das erste Jahr Katastrophal war.

      Dass der Steuerzahler bei Modell b) mehr Zinsen zahlen muss … wen kümmert´s. Es ist ja gar nicht geplant, das Geld je wieder zurück zu zahlen.

      Mit unvergessenen Grüßen,
      yt

       
  2. marien86

    November 11, 2012 at 3:23 pm

    Hallo alle Miteinander,

    leider können wir unsere Terabyte-Festplatte im Kopf nur unzureichend nutzen. Daher folgt ein Auf und Ab der Aufmerksamkeitsströme. Schließlich sind ja ganze Kulturen in (manchmal in Absicht) in Vergessenheit geraten. (Die Antike im Mittelalter). Dazu kommt eine verzerrte Wahrnehmung unsererseits auf die Welt. Warum sollten meine Eltern Assange unterstützen? Für sie ist sein Anliegen außerhalb ihrer Reichweite. Sie haben schon genug mit sich zu tun. Dies wissen Politiker und PR-Berater und definieren ihre Agenda entsprechend diesen externen und ihren internen Faktoren.

    Zur Zerstörung der Familie: ich denke, hier gilt es ein Mittelmaß zu finden. Meine Großmutter kommt vom Land und kennt noch die Großfamilie mit ihrem Patriarchen. Sicherlich: es war für sie eine schöne Zeit! Aber sie betont auch, dass (weibliche) Individuen doch ganz stark zurück stecken mussten. Einerseits gab es eine Perspektive und Berechenbarkeit in diesen Strukturen, andererseits musste man sich sehr stark anpassen – am gemeinsamen Strang ziehen eben! Es ist richtig, dass die Atomisierung der Gesellschaft Probleme schafft. Ab einem gewissen Grad beginnt Individualität zu schaden. Ab einen gewissen Grad beginnen familiärere Strukturen zu schaden. Das Pendel ist zu beiden Seiten ausgeschlagen. Wo die ideale Position liegt muss noch ausgehandelt werden.

    Im Übrigen: ich kann mich nicht erinnern, dass die Klassengesellschaften des frühen 20. Jahrhunderts an einen „gemeinsamen“ Strang zogen. Man veranstaltete eher ein gemeinsames Tauziehen gegeneinander! So viel gemeinsam interagiert haben frühere Gesellschaften, egal bei welcher Familienstruktur, auch nicht. Auch deren Gedächtnis war kurzzeitig.

    Gruß, David Marien

     
  3. tinyentropy

    November 11, 2012 at 8:34 pm

    Ich finde es gut, dass im Streit mit Putin auch mal Flagge von unserer Regierung gezeigt wird:

    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/merkel-streitet-mit-putin-um-russlandsbeauftragten-schockenhoff-a-862850.html

     
  4. Mike

    November 12, 2012 at 9:14 am

    Beispiel Strompreiserhöhung.
    Eine Woche lang wird quer durch alle Parteien und Medien gezetert. Berechtigte Forderungen werden formuliert, lautstark protestiert. Dann ist das Thema durch. Ergebnis:
    Wir erleben die höchste Strompreiserhöhung aller Zeiten, halten das Maul und zahlen.
    In dieser Hinsicht gibt es übrigens keinen Unterschied zwischen den Generationen.

     
    • yt

      November 12, 2012 at 9:40 am

      Strompreise?
      Die Massenmedien haben einen Sündenbock präsentiert: Erneuerbare Energien.
      Ziel erreicht.

      Bankenkrise?
      Die Massenmedien haben einen Sündenbock präsentiert: HartzIV Empfänger heizen zum Fenster raus

      Absatz der Automobilbranche bricht ein?
      Regierung hat eine Lösung, alte Autos verschrotten

      Deutschland ist überschuldet?
      Regierung hat eine Lösung, Industrie stärker subventionieren

      Mit lustigen Grüßen,
      yt

       

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