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Deutschland, Deine Hymne: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien

28 Aug

Anlässlich der Olympischen Spiele habe ich mich gefragt, wie es für die anderen europäischen Länder sein muss, wenn unsere Nationalhymne gespielt wird. Gewiss, es ist ein sehr schönes Musikstück! Aber es hat eben auch eine Historie, denn die Nationalhymne wurde bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gesungen.

Zu Zeiten der Weimarer Republik ernannte Reichspräsident Friedrich Ebert das „Deutschlandlied“ (alle 3 Strophen) zur Nationalhymne des Deutschen Reichs.

In der ersten Strophe werden ehemalige Randgebiete Deutschlands benannt, die Deutschland infolge des Ersten Weltkriegs abgeben musste. Im Dritten Reich sang man nur noch die erste Strophe und wechselte dann über in das Horst-Wessel-Lied, ein ehemaliges Kampflied der SA.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Nationalhymne zunächst nicht mehr gespielt, da man sich davon distanzierte. Während einer einige Jahre andauernden Übergangszeit gab es deshalb keine offizielle Hymne. Dies führte zu skurrilen Auswüchsen, denn so mussten bei manchen offiziellen Anlässen Alternativen gespielt werden. Wie in diesem „Eines Tages“-Artikel des SPIEGEL nachgelesen werden kann, kam es sogar dazu, dass bekannte Karnevalsschlager bei offiziellen Anlässen als Ersatz für eine Hymne gespielt wurden, u.a. „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien“, in Anspielung auf die Zonenaufteilung Deutschlands durch die Alliierten, und ebenfalls “ Heidewitzka, Herr Kapitän“. 🙂

Da ist es nur zu verständlich, dass Konrad Adenauer die Hutschnur platzte. 1950, während seines Aufenthalts in Berlin, forderte er seine Zuhörerschaft im Titania-Palast dazu auf, die dritte Strophe des Deutschlandlieds zu singen. Dies war der Startschuss für die Wiederverwendung unserer Nationalhymne nach dem Zweiten Weltkrieg. Und damals war es durchaus ein Eklat, der im In- und besonders im Ausland sehr argwöhnisch aufgenommen wurde. Die Erinnerung an die Zweckentfremdung des Musikguts war noch zu präsent. Adenauer soll argumentiert haben, dass die dritte Strophe unter den Nazis nicht gesungen wurde (bzw. verboten war!?) und somit ideologisch nicht von den Nazis besetzt sei.

Ich finde dies ist eine witzige Geschichte. Sind wir denn nicht alle Abkömmlinge der Einwohner Trizonesiens? 🙂

 

 

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Eine Antwort zu “Deutschland, Deine Hymne: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien

  1. marien86

    August 28, 2012 at 4:22 pm

    Hallo tinyentropy,

    da fällt mir ein, dass Putin um die Jahrtausendwende, die Souviethymne recycelte. Neuer Text unter gewohnter Melodie. Zuerst war die „Internationale“ die Hymne der UdSSR. Dann lies Stalin eine eigene Hymne komponieren, die bis Ende der UdSSR bestand hatte. Dann führte Jelzin eine neue Hymne ein, die von Putin wie o. g. ersetzt wurde. In der DDR gab es ähnliche Verwerfungen, weil die Nationalhymne, die „Einheit“ besang. Sie wurde deswegen in den Siebzigern etwas abgedrängt, weil die DDR ihre Eigenständigkeit betonen wollte. Die Hymne stammt noch aus einer Zeit wo man dachte, die deutsche Zwei-Staaten-Lösung sei nur vorübergehend.

    Nationalhymnen sind immer Spiegel ihrer Zeit (s. Marseilleaise). Sie sind aber auch Relikte einer vergangenen Zeit und einer Illusion. Zwar haben wir Nationalstaaten noch, ihre Bedeutung nach innen und außen schwindet. Und die beschworene innernationale Solidarität bezieht sich (fast) immer auf den Staat. Das Zwischenmenschliche wird gar nicht thematisiert.

    Ich stehe Nationalhymnen deshalb kritisch gegenüber. Wer „Deutschland einig Vaterland“ heiß und innig besingt muss fragen lassen, was er für die Gesellschaft (Staat, nur eine Verwaltungseinheit) tut, nachdem die Hymne verklungen ist. Wer uns Deutschen mangelnden Patriotismus vorwirft, muss beantworten, ob der britische oder US-Patriotismus erstrebenswert erscheint. Wer sich alle paar Jahre Deutschlandfähnchen ans Auto klebt, muss sich die Frage gefallen lassen, was mit dieser Symbolik bewirkt werden soll? Warum ist nationale Identität zu bestimmten Ereignissen wichtig zu anderen aber nicht? Warum werden erfolgreiche Fussballspieler massenmedial als Nationalhelden gefeiert, während Wissenschaftlern nur Ruhm und Ehre im selben Zirkel zuteil wird? Zumal wissenschaftliche Erkenntnisse allen zugute kommen und nicht nur „Lokalgesellschaften“?

    Du siehst, das Thema „Nationalhymnen“ wirft einige interessante soziologische Fragen auf, die in den Alltag der Menschen hereinragen.

    Gruß, David Marien

     

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