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Aus dem Leben eines Doktoranden

05 Apr

Ich möchte Euch gerne aus dem Alltag eines Doktoranden in den Bio-Wissenschaften erzählen.

Meine Motivation gründet auf zwei Pfeilern. Erstens ist eine Promotion nicht mit einem normalen Job zu vergleichen und ich bemerke immer wieder, dass aussenstehende Menschen dies intuitiv erkennen, aber nicht richtig einzuschätzen wissen. Zweitens hat mich die Affäre um Herrn Zu Guttenberg verärgert, weil zu viele Menschen um mich herum dessen Verfehlungen als nichtig erachtet haben. Nichtig sind sie aber keineswegs! Denn als Wissenschaftler sieht man sich fortwährend mit dem Risiko konfrontiert, dass die eigene Forschungsarbeit, welche sich über Monate und Jahre hinzieht, am Ende keine verwertbaren Früchte tragen könnte. Sich dieser Tatsache zu stellen und nicht die Ergebnisse zu verfälschen ist somit eine der wesentlichen Charakterherausforderungen wissenschaftlichen Arbeitens.

Und dies ist auch der wesentliche Punkt, auf den ich hinaus will. Das Leben in der Wissenschaft ist von extrem viel Unsicherheit geprägt.

Alles fängt mit einer anspruchsvollen Problemstellung an. Eine offene Frage in einem Bereich, wie z.B. der Genetik. Und längst nicht jedes Problem eignet sich für ein zeitlich beschränktes Forschungsprojekt. Es muss ein realistisches Szenario sein, dass man das Problem in der veranschlagten Zeit lösen kann. Dies ist die erste Planungsherausforderung.

Ein Beispiel: Welches Gen X von Zehntausenden von Genen im Menschen können wir nutzen, um Medikament Z herzustellen? Dieses Problem ist ein gutes Problem. Es ist für sich genommen schwierig, also nicht trivial zu lösen. Und da es um die Entwicklung eines Medikaments geht, wird es leicht sein, Interesse bei den späteren Gutachtern zu wecken. Die Suche nach solch verheißungsvollen Problemen kann sich oft als schwierig erweisen.

Zusätzlich gilt es sich zu vergegenwärtigen, dass weltweit Forschungsgruppen existieren und somit durchaus „die Gefahr“ besteht, dass diese zur selben Zeit an genau dem gleichen Problem arbeiten, ohne dass man es voneinander weiss. Daher befindet man sich in einer ungewissen Konkurrenzsituation. Denn um seine Ergebnisse publizieren zu dürfen, muss man der Erste sein.

Um nun die eigentliche Fragestellung lösen zu können, braucht man eine tragfähige Strategie. Darüber hinaus technisches Equipment, die benötigten Daten und vor allem Zeit für die Analysen. Doch dies ist nicht alles. Es sind nicht nur die offenen wissenschaftlichen Fragen schwierig zu beantworten; oftmals ist es auch eine grosse Herausforderung zu beweisen, dass eine vorgeschlagene Lösung funktioniert. In der Mathematik nennt man dies einen Beweis führen, in den Biowissenschaften spricht man davon, eine erfolgreiche Evaluierung durchzuführen. Und die Ergebnisse müssen so stichhaltig interpretiert werden, dass die Auswertung dazu taugt externe Gutachter zu überzeugen. Solche Gutachter werden von den Journals (Fachzeitschriften wie zum Beispiel Nature oder Science) bestellt, bei denen wir unsere Ergebnisse zur Veröffentlichung einreichen. Gutachter sind allgemein als sehr kritisch einzuschätzen, da sie stellvertretend für die wissenschaftliche Gemeinschaft die Bewertung der Ergebnisse vornehmen. Sie sollen sicherstellen, dass die zur Veröffentlichung bestimmten Ergebnisse allgemein anerkannten wissenschaftlichen Kriterien standhalten. Der Review-Prozess kann mehrere Monate in Anspruch nehmen. Am Ende der Begutachtung wird das Paper entweder abgeleht oder akzeptiert. In den meisten Fällen muss man anschliessend noch umfangreiche Änderungen an der Formatierung/Struktur des Papers vornehmen, oder sogar die Methodik verändern und Ergebnisse neu berechnen. Auch Gutachter sind nur Menschen und es kommt vor, dass sie sich mit der Materie nicht gut auskennen. Dann ist es besonders schwierig sie zu überzeugen und umgekehrt kann so manches Review hart zu akzeptieren sein.

Oft gehen im Vorfeld der Veröffentlichung Monate für die Vorbereitung und für die Entwicklung von Prototypen der Systeme ins Land, ohne dass die Ergebnisse die notwendige Qualität erreichen. Dann wächst der zeitliche Druck und die Sorge, dass am Ende alles umsonst sein könnte. Denn zum Schluss zählt, wie in der Wirtschaft auch, nur das Ergebnis. Bleibt dieses aus, tritt man auf der Stelle. Die zur Verfügung stehende Zeit verstreicht und somit auch die Finanzierung der Forschungsstellen. Wenn alles schiefgeht erreicht man das Ziel der Promotion nicht und hat über drei bis vier Jahre sehr wenig Geld verdient, während man sich als Akademiker in der Wirtschaftswelt längst ein gutes Auskommen hätte erwirtschaften können. Dies kann man bei seinen ehemaligen Studienkollegen beobachten. Je nach Promotionsstelle, sollte man mindestens zwei bis drei Veröffentlichungen schaffen.

Der Erfolg jedes einzelnen Projekts hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Erstens der Verfügbarkeit und Qualität von Daten. Zweitens ist das vorhandene Equipment entscheidend. Denn um an der Speerspitze der Wissenschaft mitzumischen, braucht man das notwendige Rüstzeug dafür. Wurden all diese Komponenten zusammen gebracht, spielt auch der Zufall eine Rolle. Da es sich um natürliche Systeme handelt, die wir erforschen, können wir manche Ereignisse nicht genau vorhersagen. Man kann es sich wie bei einem Tierfilmer vorstellen, dessen Superzeitlupenkamera in einem Beobachtungszelt aufgebaut steht – alles ist zur Aufnahme bereit. Bloß lässt sich dieses mal kein Tier an der sonst viel besuchten Wasserstelle blicken. Letztendlich wird es oft schwierig sein, die Relevanz der gewonnenen Ergebnisse zu beurteilen. Ist alles bloß Zufall, oder statistisch signifikant? Nur in wenigen Fällen existieren so genannte „Gold Standard“ Daten. Dies sind besonders gut analysierte Daten, die sich eignen, um die Vorhersagen neuer Methoden (z. B. eines Computermodells) anhand bekannten Wissens evaluieren zu können.

Natürlich zahlt es sich in der Regel am Ende aus, eine Promotion gemacht zu haben. Aber es braucht lange, bis man den Rückstand der Jahre wieder aufgeholt hat. Nicht zu sprechen davon, was es heißen würde, wenn man es nicht schafft und am Ende der Zeit mit leeren Händen da steht.

Mir ist oft aufgefallen, dass Menschen von Wissenschaftlern beeindruckt sind, weil „die so viel wissen“. Dies ist paradox, weil aus der Sicht des Wissenschaftlers seine Herausforderung darin besteht, ein unvollkommenes, unzureichendes Wissen zu besitzen. Es ist zwar richtig, dass man mit der Zeit einiges an Wissen anhäuft. Aber dies ist das Ergebnis vieler quälender Tage, während derer man sich absolut unwissend fühlt. Das sehe ich als einen wichtigen Unterschied zu einem Handwerksberuf. Ich denke, dass in einem Handwerksberuf nach Abschluss der Lehre ein Gefühl der Routine und der Beherrschbarkeit von Problemen den Alltag bestimmt. Allerdings bin in dieser Hinsicht nun ich ein Aussenstehender und mag mich sehr wohl mit meiner Einschätzung täuschen.

 

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8 Antworten zu “Aus dem Leben eines Doktoranden

  1. Anonymous

    Mai 14, 2012 at 12:05 am

    Interessanter Artikel, ich wünsche Dir weiterhin ganz viel Erfolg und natürlich auch das entsprechende Quäntchen Glück! 🙂

    Viele Grüße
    Simone

     
    • tinyentropy

      Mai 14, 2012 at 8:44 am

      Hallo Simone 🙂

      Lieben Dank! Es ist schön, dass Du vorbeischaust. Ich freue mich sehr! Wünsche Dir einen guten Start in die Woche!

      Viele Grüsse

       
    • Anonymous

      Mai 14, 2012 at 10:24 pm

      Hab’s ja versprochen vorbeizuschauen. 😉
      Oh man, was für ein Schwachsinn… 😦 Wer kauft sich sowas, doch nur ne echt arme Persönlichkeit!?! Da kann man nur den Kopf schütteln…wenn es nicht so ärgerlich wäre für diejenigen, die sich ihren Titel hart erarbeitet haben. Aber ein Doktortitel allein macht aus einem noch keinen besseren/schlaueren Menschen o.ä., auch wenn solche Leute das vielleicht meinen. Wird nur peinlich für sie, sobald sie den Mund aufmachen. 😉
      Solche Aktionen schaden nur leider auch sehr… 😦

      Lass Dich aber nicht unter kriegen, ich wünsch Dir trotzdem einen guten Wochenstart! 🙂

      VG Simone

       
      • tinyentropy

        Mai 16, 2012 at 9:41 am

        Lieben Dank! 🙂 Dir auch!

         
  2. Wolf

    Mai 14, 2012 at 4:48 pm

    „Es ist zwar richtig, dass man mit der Zeit einiges an Wissen anhäuft. Aber dies ist das Ergebnis vieler quälender Tage, während derer man sich absolut unwissend fühlt.“
    Sehr wahr 🙂

     
  3. Stegano

    Januar 6, 2013 at 8:29 pm

    Die Darstellung kennt ihr bestimmt schon:

    http://www.cbcity.de/die-versinnbildlichte-darstellung-zum-dr-ing

     
    • tinyentropy

      Januar 6, 2013 at 9:06 pm

      Sie trifft den Nagel auf den Kopf! 🙂

       

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