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Probleme mit dem „Selbstbewusstsein“

03 Mrz

Ich oute mich, ich habe Probleme mit dem „Selbstbewusstsein“. Doch ich muss dies präzisieren. Ich habe Probleme mit unserem gesellschaftlichen Konsens darüber, was wir gemeinhin als selbstbewusst ansehen und wie wir es bewerten. Ich denke, daß wir alle den Begriff falsch verstehen und daraus die falschen Konsequenzen ziehen.

Zuerst einmal eine begriffliche Unterscheidung zwischen Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl. Meine Auffassung von Selbstbewusstsein spiegelt sich in dem Bewusstsein seiner selbst. Es bedeutet, dass man fähig ist, einen objektiven Blick auf sich als Person zu richten und Stärken wie auch Schwächen zu erkennen. Im Allgemeinen folgt daraufhin der Rat, daß man im Rahmen seiner Möglichkeiten an den identifizierten Schwächen arbeiten sollte und das Ergebnis seiner Bemühungen als Teil seiner selbst akzeptieren muß. Selbstbewusstsein ist also eine wichtige Vorbedingung, um an sich selbst zu arbeiten und sich schließlich zu akzeptieren. Selbstbewusste Menschen durchlaufen diese Phasen und entwickeln dabei ein Gefühl für ihren wahren Wert. Sie kommen mit sich selbst ins Reine und erreichen damit ein wichtiges Ziel.

Menschen mit gereiftem Selbstwertgefühl haben also das ultimative Ziel der Selbsterkenntnis erreicht und man kann sie dazu beglückwünschen! Nun stehen ihnen in unserer Gesellschaft aller Voraussicht nach alle Türen weit offen.

Wie es mit Zielen aber so ist, besteht die Leistung nicht in dem Erreichen des Ziels, sondern in dem Überwinden von Mühen auf dem Weg dahin. Und hier verbirgt sich eine große Ungerechtigkeit. Denn schon in unseren Genen liegt vorbestimmt, wie einfach wir uns mit uns selbst abfinden und anfreunden können. Sind wir ein leicht- oder schwermütiges Wesen? Abgesehen davon bestimmen die Jahre unserer Jugend unseren Charakter und unser Gemüt.

Speziell die ersten Jahre unseres Lebens haben ein grossen Einfluss darauf, wie wir uns entwickeln. Wichtig ist, dass zu dieser Zeit ein ungetrübtes Urvertrauen in uns reifen kann. Dies erfordert eine geborgene Umgebung und den liebevollen Umgang unserer Eltern mit uns. Später ist es wichtig, dass wir uns frei entwickeln können, ohne in irgendwelche Rollen für das Familienleben gezwängt oder in uns überfordernde Pflichten genommen zu werden. Die richtige Form und das passende Mass von äusserer Bestätigung seitens unserer Eltern sollten den Aufbau unseres Selbstwertgefühles begleiten! Soweit die Theorie. Aber viele junge Eltern sind noch selbst mit sich beschäftigt und können diese idealen Umstände nicht aufbieten. Es mag sein, dass sie liebevolle Eltern sind, aber sie können ihre (sehr jungen) Kinder nicht von allen Problemen des Alltages abschirmen. Es folgt daraus, dass man sich glücklich schätzen kann, wenn man ein gutes Los in diesem Stadium gezogen hat.

Aber auch der Verlauf unseres ersten Dates prägt uns in der einen oder anderen Weise stark.Es kann sein, daß für manche Menschen schon bei ihrem ersten Date die Weichen in Richtung eines unkomplizierten Umgangs mit dem Thema Beziehung gestellt werden. Ein solcher Mensch schwimmt auf einer Welle positiven Feedbacks und macht die Erfahrung, daß es einfach immer läuft; er muß sich um seine Partnerwahl keine Gedanken machen. Er erhält überwiegend positives Feedback und aus der Summe resultiert mehr Selbstvertrauen und der Effekt positiver Rückkopplung. Auch für solche Menschen werden sich im Verlaufe ihres Lebens vielfältige Probleme ergeben. Aber es werden seltener als bei anderen Menschen Probleme auf dem wichtigen Feld der zwischenmenschlichen Beziehungen sein, wie beispielsweise Einsamkeit und Langeweile. Und aus diesem Feld beziehen wir alle maßgeblich unser Selbstwertgefühl.

Daher gibt es viele äussere Faktoren, die ein gutes Selbstwertgefühl entweder begünstigen oder behindern können. Ihre Auswirkungen beeinflussen uns bis tief in unsere Charakterstruktur.

Für die Partnerwahl macht es Sinn sich auf Menschen zu konzentrieren, die ein gesundes Selbstwertgefühl haben. Diese haben freie Kapazitäten in ihren Köpfen, um sich zusätzlich noch um die Probleme ihres Partners zu kümmern und werden selbst wahrscheinlich niemals zu einer Belastung für den Anderen. Aus dieser Hinsicht spricht alles für ein starkes Selbstwertgefühl als Kriterium für die perfekte Partnerwahl. Dagegen sage ich nichts. Es fällt mir aber auf, dass Menschen, die besonders versessen Beachtung auf das selbstbewusste Auftreten eines Partners legen, meist selbst starke Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl haben.

In der Öffentlichkeit zählt gereiftes Selbstwertgefühl leider nichts. Stattdessen ist Selbstdarstellung wichtig. Positiv wird bewertet, wenn sich jemand selbst toll findet. Ob er damit richtig liegt, wird meist nicht hinterfragt. So lange er nicht sehr häßlich aussieht, nehmen ihm die Menschen dies unkritisch ab. Es ist die Art und Weise wie wir unsere Mitmenschen gerne wahrnehmen, nämlich als unkompliziert. Einer, der sich selbst um sich kümmert. Prima!

Dabei würde vielen in der medialen Öffentlichkeit stehenden Menschen eine kritischere Eigenbetrachtung gut zu Gesicht stehen. Sie würden erkennen, daß sich hinter der Fassade nicht viel verbirgt.

Doch auch das Publikum interessiert bloß die Fassade. Denn bei vielen Menschen sieht es privat nicht anders aus. Auch sie kultivieren ein falsches Selbstbild von sich, und staffieren sich mit lauter sichtbaren Attributen aus, die als Indikatoren für ein gereiftes Selbstwertgefühl gelten. Doch sie haben die Reise zu sich selbst noch nicht absolviert oder sind schnell zum Ziel gekommen.

Doch wird der schöne Schein selten hinterfragt. Es ist wie im Falle von Hr. zu Guttenberg. Die Menschen fassen sein Abschreiben als Bagatelle auf, denn sie sind sich dessen bewusst, daß Tricksen zum Handwerk gehört. Um nicht selbst Konsequenzen für das eigene Handeln ziehen zu müssen (mit dem Tricksen aufhören oder es als eigene Verfehlung einzugestehen), interpretieren sie die Trickserei als Bagatelle und wischen das Thema so von dem Tisch.

Bei all dem kommt aber die Erkenntnis zu kurz, dass wir den Weg zum Ziel honorieren müssen!

Wir sollten Menschen mit schwachem Selbstwertgefühl mit mehr Respekt begegnen. Zumindest sollten wir sie nicht pauschal abwerten. Meist gibt es gute Gründe dafür, daß sie so sind. Die Frage ist, ob wir uns dafür interessieren oder nicht. Meist besitzen diese Menschen wahre Stärke. Sie benötigen sie, um ihre inneren Konflikte aufzulösen. Und dies sind die härtesten Kämpfe, die man führen kann. Sie haben wahrscheinlich einen ungünstigen Startpunkt erwischt oder sehen sich selbst sehr objektiv. Es sind häufig sehr interessante Menschen, die viele verschiedene Seiten haben. Daher fällt es ihnen schwer, all diese Aspekte zu einem Bild zu vereinen. Das ist oft auch nur ein ganz normaler Prozess, der seine Zeit braucht! Wir alle sind Reisende. Manche Menschen gehen schwierige Wege, andere gehen leichtere. Bewerten können wir nur, ob sich ein Mensch seinem Schicksal stellt. Er darf natürlich nicht aufgeben! Und so lange er dabei voran kommt und nicht auf der Stelle tritt, gehört das zu einem normalen Entwicklungsprozess dazu. Es braucht eben Zeit, die davon abhängt mit welchen Bedingungen man den Prozess beginnt.

Erstaunlicher weise besitzen häufig einfach gestrickte Menschen ein sehr gutes Selbstwertgefühl. Man möge sich hier an manchen Fußballer erinnern, der außerhalb des Spielfelds einen intellektuellen Totalausfall darstellt, aber vor „Selbstbewusstsein“ strotzt. Genau genommen ist diese Beobachtung nicht so überraschend, wenn man sich klar macht, dass Selbstwertgefühl daraus resultiert, daß man sich selbst genügend erforscht hat. Wenn es wenig zu erforschen gibt, kommt man dabei schnell zum Ziel. Und umgekehrt. Und dies ist, was ich kritisiere. Als Gesellschaft schauen wir nur auf das Ziel. Aber wir wertschätzen nicht die individuellen Wege, die dahin begangen werden.

 

 

 

 

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2 Antworten zu “Probleme mit dem „Selbstbewusstsein“

  1. Mechentel

    März 5, 2012 at 2:04 pm

    Eine gut strukturierte Analyse! Hierzu eine Buchempfehlung, die eventuell etwas Licht ins Dunkle bringen kann. Gerald Hüther „Was wir sind und was wir sein könnten“
    Wir aus neurobiologischer Sicht also! Und vom Fischer Verlag als „Ein neurobiologischer Mutmacher“ bezeichnet.

     

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