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Wie unser Leben online unsere Gefühle offline beeinflusst

28 Feb

Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?

So heisst es in Grimms Märchen und der magische Spiegel ist eine Anspielung auf die Eitelkeit der Menschen. Heutzutage gibt es bessere Mittel und Wege, um Selbstbestätigung auf Abruf zu erhalten: Die sozialen Netzwerke und die vielen Online-Flirt-Portale.

Der Satz aus Grimms Märchen lässt sich in zwei Lesarten interpretieren: 1.) Wer ist die/der Schönste? (bin ich es?) sowie 2.) Wer ist die/der anerkannt Schönste? (den ich dann für mich haben will!). Ich habe das Zitat der Grimms gewählt, weil es das Wechselspiel aus der Sucht nach Selbstbestätigung, Anerkennung und der Suche nach dem perfekten Gegenstück verdeutlicht. Diese Suche nach Perfektion von sich selbst und dem Partner ist zum Scheitern verurteilt, denn perfekte Menschen gibt es nicht. Es ist ein Versuch der Optimierung, der nicht gelingen kann und alle Beteiligten unglücklich macht. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist der Mut zum Kompromiss!

Im Folgenden fasse ich ein paar Beobachtungen zusammen, die meine Aussagen belegen.

Erster Befund: Flache Kommunikation

Ich habe schon immer Spass daran gehabt zu chatten. Bereits als Jugendlicher hatte ich das gerne gemacht und nette Leute dabei kennengelernt. In den letzten Jahren passiert mir das nur sehr selten. Ich stelle fest, dass es schwieriger wird eine vernünftige Kommunikation online zu führen, selbst mit Freunden aus dem real life. Die Leute haben nur noch eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Es gehen ein paar Nachrichten hin und her, dann schleppt sich das Gespräch plötzlich, bevor es zum Erliegen kommt. Auch beim Telefonieren ist es so.

Der Grund ist, dass man selten alleine, tête-à-tête ein Gespräch führt. Ständig melden sich noch andere Leute aus dem Netzwerk im Hintergrund und wollen ebenfalls mit einem kommunizieren. Ist das aktuelle Gespräch für einen Moment schwierig oder langatmig, wird einfach abgeschaltet. Würde dieser Mechanismus der Qualität der Unterhaltung dienen, wäre es ja gut. Aber die Leute haben verlernt auch mal schwierige, kontroverse Situationen eines Gesprächs durchzustehen und sich aktiv um eine gute Kommunikation zu bemühen.

Ausserdem haben sich die Leute an eine Kommunikation wie per SMS gewöhnt. Man empfängt eine Nachricht, muß sie aber nicht direkt beantworten. Ist der andere doch selbst schuld, wenn er dringend auf Antwort wartet. Die Welt kann auf mich warten.

Zweiter Befund: Verzerrtes Selbstbild

Die Menschen möchten sich im Internet präsentieren, ach sagen wir es direkt, sie möchten sich best möglich vermarkten. Mit tollen Fotos, gestylten Profilen und keinen offensichtlichen Schwächen. Sie sind stets um ihre Aussenwirkung bemüht. Die Fassade beginnt mehr zu zählen, als die inneren Werte. Und weil das so ist, behauptet jeder gerne das Gegenteil sei der Fall.

Die perfekte Fassade heutzutage sieht so aus, dass man 1000 Freunde hat, von denen sich möglichst viele mal mit einem zusammen lachend auf einem Foto präsentieren. Dies ist inzwischen unsere Vorstellung von erfolgreichen Menschen, oder etwa nicht!?

Dritter Befund: Weibliches Ego-Boosting

Wenn ein junges Mädchen Facebook entdeckt und ein paar nette Bilder von sich hochlädt, wird sie schnell dutzende Emails von interessierten Männern erhalten, die sie über den Klee loben. Das Mädchen wird sich freuen und sich daran gewöhnen, dass Männer es offensichtlich begehren. Später wird die junge Frau herausfinden, wie sie sich in Szene setzen muss, um die Männer richtig verrückt zu machen.

Freundinnen von mir jammern oft, dass sie sehr viele, meist niveaulose Emails von hoffnungslosen Männern erhalten. Ich frage mich dann, warum die Mädels trotzdem aktiv in den Portalen unterwegs sind? Ich denke der Grund ist, dass es einer Frau leichte Genugtuung verschafft, wenn sie ihr Email-Postfach ständig überfüllt vorfindet. Sie betrachtet die Männer als ihr Publikum. Der Einzelne zählt wenig und wird gering geschätzt, aber die Masse wirkt nichtsdestotrotz beeindruckend auf die Frau. Es verschafft ihr das Gefühl begehrt zu sein, die breite Auswahl zu haben und auch ein Gefühl von Überlegenheit und Macht. Frauen lieben das!

Vierter Befund: Überzogene Anforderungen

Wenn man meint eine breite Auswahl zu haben, legt man sich besser nicht allzu schnell fest. Es müsste doch möglich sein den perfekten Partner herauszusieben! Leider geht bei vielen die Einsicht verloren, dass Menschen nicht perfekt sind und man Kompromisse eingehen muss.

Letztendlich möchte sich niemand unter Wert verkaufen. Ein Partner soll gefälligst vorzeigbar sein und die eigene Aussendarstellung komplettieren. Es ist anzunehmen, dass er ein Online-Profil mit Fotos und Beschreibung seiner Interessen besitzt. Dieses Profil muss ebenfalls vorzeigbar sein und sollte im Idealfall das Potenzial besitzen, auch alle Freundinnen der Frau davon zu überzeugen, dass der Mann eine richtige Granate ist!

Um nicht falsch verstanden zu werden: Natürlich ist es vollkommen richtig sich nicht unter Wert zu verkaufen! Aber man sollte seinen Wert nicht vorher künstlich pushen!

Fünfter Befund: Leben im sozialen Stress

Eine Hand voll guter Freunde ist lebenswichtig! Ein erweiterter Bekanntenkreis ist hilfreich, um der Langeweile zu entkommen und immer neue Impulse für das eigene Leben zu erhalten. Aber Hunderte von Online-Freunden bedeuten am Ende sozialen Stress! Immer öfter höre ich von Menschen, dass sie zu viel „Freizeitstress“ hätten. Es ist schwierig bei solchen Menschen einen Termin zu bekommen, am besten man meldet sich ein paar Wochen vorher an! Was steckt dahinter? Richtig glücklich klingt diese Aussage, man habe Freizeitstress, ja nicht, oder!?

Die Menschen in Deutschland sind ohnehin schrecklich verplant! Dahinter steckt offenkundig die Angst mal eine Lücke in der Freizeitplanung zu riskieren, denn zuhause sitzen ist mega-uncool!

Sechster Befund: Das Spiel mit Gefühlen

Online wird geflirtet, dass die Kabel glühen. In den meisten Fällen ist es ein Spiel ohne ernsten Hintergrund. Dahinter steckt Langeweile oder das kurzfristige Kompensieren von etwas, das im Leben gerade fehlt. Die selben Gründe treiben die Menschen Woche für Woche in die Discos. Wenn man sich überlegt wie alltäglich dieses Verhalten geworden ist, wird einem erst bewusst, wie wenig Sinn und Fülle die Menschen offenbar in ihren Leben verspüren. Der Drang etwas fehlendes zu kompensieren wird zum Hauptantrieb.

Siebter Befund: Fehlende Kompromissbereitschaft und Optimierung ohne Ende

Nicht alles bleibt online. Da wir viele Aspekte unseres Selbst und unseres Soziallebens in das Internet verlagern, übernehmen wir auch umgekehrt die dort herrschenden Normen und Regeln für unser Privatleben.

Das bedeutet, dass die Menschen bei ihren Dates auch nur die Fassade, die perfekte Illusion wollen. So bald der potentielle Partner sich als Person mit Ecken und Kanten zu erkennen gibt, wird die Reissleine gezogen. Es fehlt der Mut sich auf etwas verbindliches einzulassen. Man merkt den Menschen im Laufe der Dates an, dass sie plötzlich wieder die Frage beschäftigt, ob sich nicht doch noch ein besserer Partner finden liesse. Schliesslich warten potentielle Bewerber bereits im Email-Postfach irgendeines Online-Portals auf ihre Chance!

War früher denn alles besser?

Früher wurde der perfekte Partner natürlich ebenso gesucht, aber weniger verbissen, mit mehr Wohlwollen und mit größerer Kompromissbereitschaft. Der optimale Partner fand sich am Ende als der netteste Junge, oder das hübscheste Mädel in der Nachbarschaft. Heutzutage wird die Auswahl als viel grösser wahrgenommen und man versucht zu optimieren, als ob es sich um ein Finanzgeschäft handelte.

Die meisten Menschen klammern sich an romantische Ideale und glauben nicht daran, ihren Partner für’s Leben online zu finden. Aber auch sie werden durch den Geist unserer Zeit beeinflusst und legen an ihre Partner die verzerrten Massstäbe dieser Online-Welten an. Im Online-Leben bei Facebook und anderen Portalen herrschen Regeln, die wir nicht für unser Privatleben adaptieren sollten. Doch genau das beobachte ich bei vielen Menschen, mit denen ich es zu tun habe.

Es ist heute leider sehr schwierig geworden jemanden wirklich richtig kennenzulernen.

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2 Kommentare

Verfasst von - Februar 28, 2012 in Gesellschaft, Tiny's Gedanken, Top Artikel

 

2 Antworten zu “Wie unser Leben online unsere Gefühle offline beeinflusst

  1. Brian Johansson

    Februar 29, 2012 at 8:27 am

    Schöner Artikel. Dazu passend möchte ich auf folgenden Zeitungsartikel der Zeit hinweisen:

    http://www.zeit.de/lebensart/partnerschaft/2012-02/geboren-2012-liebe

     
  2. Anonymous

    Februar 9, 2013 at 3:25 pm

    Toller Artikel, er spricht mir aus dem Herzen. Es geht heutzutage fast nur noch um dauernde Selbstdarstellung, -optimierung (s. auch unzählige, überflüssige Coachingbücher).

     

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